70 Jahre im Dienst der Kirche

veröffentlicht 12.10.2026, Dekanat Wiesbaden

Pfarrer im Ruhestand Manfred Kühn feiert am 21. Oktober außergewöhnliches Ordinationsjubiläum:

Die Kirche war rappelvoll. Manfred Kühn war gerade 26 Jahre alt, frisch verheiratet und hatte lange an seiner Predigt für diesen Tag gearbeitet: Es war der 21. Oktober 1956 als Propst Felix Jacob Rau ihn in einem Festgottesdienst in der Darmstädter Pauluskirche für das Pfarramt beauftrage. 70 Jahre ist Manferd Kühns Ordination nun her. Ein außergewöhnliches Jubiläum, das nur sehr wenige Pfarrerinnen und Pfarrer erleben dürfen.

An seine damalige Predigt erinnert sich der heute 96-jährige Manferd Kühn mit gemischten Gefühlen. „Die würde ich heute nicht mehr lesen“, sagt er schmunzelnd. Aus dem jungen Pfarrer von damals ist ein leidenschaftlicher Prediger geworden. 

Gottesdienste hat er immer gerne gefeiert – bis heute. „Die Zuwendung zu den Menschen im Namen Gottes – das ist etwas Wunderbares“, sagt er. „Manfred Kühn war ein allumfassend gebildeter Theologe“, sagt Pfarrer i. R. Joachim Schmidt, ein langjähriger Freund und Weggefährte, über ihn.

Dass Kühn überhaupt Theologie studierte, hat er seinem damaligen Religionslehrer zu verdanken. Er beeindruckte den jungen Manfred Kühn, der 1930 in Frankfurt geboren wurde, nachhaltig und weckte sein Interesse an theologischen und religiösen Fragen. 

Seine erste Pfarrstelle nach dem Probedienst führte ihn nach Wiesbaden in die Thomasgemeinde. „Das war eine wunderbare Zeit“, erinnert sich Kühn: „Das war damals eine aufstrebende Gemeinde, große Konfirmandengruppen, ein großer Kirchenchor.“ 
1961 wechselte er zurück nach Darmstadt. Acht Jahre war er hier unter anderem auch Dekan, bevor er nach Wiesbaden zurückkehrte und Beauftragter der Evangelischen Kirchen am Sitz der hessischen Landesregierung wurde.

Bis zu seinem Ruhestand 1993 arbeitete Kühn an der Schnittstelle zwischen Kirche und Politik. Viele politische Spannungen erlebte er hautnah mit, etwa die Auseinandersetzungen um den Bau der Startbahn West. Ob als Gemeindepfarrer, Dekan oder Kirchenbeauftragter: Stets verstand er sich als Brückenbauer zwischen Kirche und Politik, zwischen Glauben und öffentlichem Leben. „Er war der geborene Vermittler“, sagt sein Freund Joachim Schmidt.

Bis heute verfolgt er aufmerksam, was in Kirche, Politik und Gesellschaft geschieht – durchaus auch kritisch. Der Mitgliederrückgang und der Bedeutungsverlust der Kirchen beschäftigen ihn. In Darmstadt hatte er Anfang der 1960er-Jahre noch beim Aufbau einer neuen Gemeinde mitgewirkt. Dass heute Gemeinden kleiner werden und sich zusammenschließen müssen, tut ihm weh.
Auch die politische Entwicklung beobachtet Kühn mit Sorge. „Es ist ein Dämpfer für das Ansehen der beiden großen Kirchen, dass sie den Aufstieg der AfD nicht bremsen konnten“, sagt er.

Regelmäßig schreibt Manfred Kühn den Mitgliedern der Kirchenleitung Briefe. Pröpstin Henriette Crüwell schätzt das sehr. In den Briefen teilt Kühn mit wachem Blick seine Gedanken und Fragen zu aktuellen Entwicklungen. „Ich spüre seine tiefe Verbundenheit mit der Kirche und seine Sorge um deren Zukunft“, so Crüwell. Sie dankt ihm dafür, dass er die Kirche bis heute so aufmerksam begleitet.

Manfred Kühn ist ein Mensch mit vielen Gaben und Interessen: Musik, Architektur, Malerei und Theologie gehören zu seinen großen Leidenschaften. Seit seinem 15. Lebensjahr singt er im Chor – immer dort, wo er gerade zuhause ist. Er selbst nennt sich einen „Gesangbuch-Christ“ und bringt damit seine tiefe kirchenmusikalische Prägung zum Ausdruck.

Dass er auch mit 96 Jahren geistig und körperlich so präsent ist, sieht Kühn selbst als großes Geschenk. Sein Rezept zum Älterwerden: „Glück, Gottvertrauen, eine glückliche Ehe und Sport.“ 25 Mal hat er das Deutsche Sportabzeichen erworben. An Ausdauer und Disziplin hat es ihm nie gemangelt. Bis heute ist er täglich zu Fuß unterwegs, liest die Zeitung, besucht Gottesdienste und singt im Chor seiner Heimatgemeinde, der Evangelischen Versöhnungsgemeinde in Wiesbaden.

Mit seiner Frau Gabriele, die 2016 verstorben ist, hat Manfred Kühn vier Kinder, die heute in alle Himmelsrichtungen verstreut leben.

70 Jahre nach seiner Ordination ist Manfred Kühn der Kirche weiterhin eng verbunden. 
Mit Hochachtung vor seiner beruflichen Lebensleistung und großer Dankbarkeit für alles, was er für die Kirche getan hat, gratulieren die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, das Evangelische Dekanat Wiesbaden und die Evangelische Versöhnungsgemeinde zu diesem außergewöhnlichen Jubiläum.