Angesprochen sind beispielsweise Menschen, denen herkömmliche Gottesdienste aufgrund einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen zu anstrengend sind. Das ist nicht der einzige Schritt, den die Kirche für mehr Inklusion geht.
In diesem Gottesdienst ist alles ein bisschen anders. Mit diesen Worten leitet Pfarrerin Bettina Friehmelt am Donnerstag die erste "reizarme Andacht" Wiesbadens im Evangelischen Gemeindezentrum Klarenthal ein. Das zeigt sich auf den ersten Blick. Einige Stühle, Sessel und Liegestühle sind lose in dem hellen Raum verteilt, es gibt Matten, damit die Besucherinnen und Besucher den Gottesdienst im Liegen verfolgen können. Leise Klaviermusik, viele Pausen, entspannte Sitzmöglichkeiten: Etwa 30 Minuten dauert die Andacht, die mit Segen, Gebet und Musik dennoch die wichtigsten Elemente eines Gottesdienstes enthält.
"Gott verspricht: 'Bei mir ist ein Raum, da kannst du sein. Ich berge dich in meiner Hand'", sagt Pfarrerin Friehmelt in ihrer Ansprache. Dieses Gefühl möchte sie den Besucherinnen und Besuchern des reizarmen Gottesdienstes geben, erzählt sie später. Dass alle Menschen einen Raum bei Gott haben.
Inklusive Formate in der Evangelischen Kirche
Der Gottesdienst richtet sich insbesondere an Menschen, die es ruhiger brauchen. Dazu können Menschen mit Long-Covid, ADHS oder aus dem Autismusspektrum gehören. Er ist aber auch für alle anderen offen. Ein Moment der Entspannung soll es sein. Angestoßen wurde die Idee durch die "Stille Stunde", in der in einigen Geschäften in Wiesbaden die Beleuchtung reduziert und Musik ausgeschaltet wird.
Der reizarme Gottesdienst soll nicht der einzige Weg sein, mit dem die Kirche in Wiesbaden neue Zielgruppen ansprechen und inklusiver werden möchte. So soll beispielsweise einer der Erntedankgottesdienste im Herbst in Gebärdensprache gedolmetscht werden. Insgesamt möchte das Evangelische Dekanat Wiesbaden die Gemeinden weiter für Barrierefreiheit und Inklusion sensibilisieren.
Vieles muss bei der Vorbereitung bedacht werden
Zur Vorbereitung auf die reizarme Andacht haben sich Pfarrerin Friehmelt und ihre Kollegin Nicole Nestler, die in der Fachstelle Gesellschaftliche Verantwortung des Dekanats arbeitet, viele Gedanken gemacht. Barrierefrei soll die Kirche sein, gut mit Auto und Öffentlichem Nahverkehr zu erreichen, ein möglichst reizarmer Raum ohne viele Gemälde. Musik gibt es, aber gesungen wird nicht. Insgesamt ist das Tempo langsamer als in anderen Gottesdiensten, beim Gebet muss niemand aufstehen. Der erste reizarme Gottesdienst ist auch eine Probe, um herauszufinden, wie groß der Bedarf ist und was gegebenenfalls noch berücksichtigt werden muss.
Insgesamt ist das Fazit der Besucherinnen und Besucher positiv. "Es war toll, den Kirchenraum mal anders zu erleben", sagt Ute Trimpert bei einem Kaffee im Anschluss. Sie lag während des Gottesdienstes auf einer der ausgelegten Matten. "Es hat mich berührt, dass der Raum für alle da ist und hier unterschiedliche Menschen zusammenkommen", sagt sie. Wenn es nach ihr ginge, sollte es solche Gottesdienste öfter geben.
Positive Rückmeldung auf die erste reizarme Andacht in Wiesbaden
So sieht es auch Elise Traute, die, wie sie selbst sagt, bereits auf die 90 zugeht. "Die ganze Atmosphäre war sehr angenehmen, ohne Hektik. Da fühle ich mich gut aufgehoben", sagt sie. Von Josephine von der Haar (epd)
Einen HR-Info-Radiobeitrag zu der Andacht finden Sie hier: Hier klicken!
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