„Die Sehnsucht nach der Heimat ist oft riesig“

veröffentlicht 15.06.2026, Dekanat Wiesbaden

Seit mehr als zehn Jahren bringen Ehrenamtliche im Stajupfa Geflüchteten Deutsch bei

Vor mehr als zehn Jahren begann im Evangelischen Stadtjugendpfarramt eine Initiative, die bis heute besteht: Ehrenamtliche helfen geflüchteten Menschen beim Ankommen in Deutschland. 
Initiator der Integrationskurse ist der Evangelische Jugendring (ejr). Ehrenamtliche aus der evangelischen Jugend haben damals Jugendliche unterstützt, die auf einen offiziellen Sprachkurs warteten. Dabei ging es von Anfang an um mehr als Grammatik und Vokabeln. Es ging auch um Begegnung und Austausch.

Bis heute engagiert sich das Stadtjugendpfarramt kontinuierlich in diesem Bereich. Es stellt Räume zur Verfügung, organisiert ehrenamtliche Lehrkräfte und übernimmt die Gebühren für staatliche Deutschprüfungen. Inzwischen besuchen überwiegend Erwachsene die Deutschkurse, die zweimal pro Woche stattfinden. Die Pensionär:innen Sigrid Mertens, Reingard Denzer und Klaus-Jürgen Hellemeier unterrichten derzeit ehrenamtlich.

„Damals sind wir in Gemeinschaftsunterkünfte und Flüchtlingscafés gegangen und haben persönlich für die Kurse geworben“, erinnert sich Sigrid Mertens, die seit Beginn dabei ist. Anfangs kamen vor allem Menschen aus Afghanistan und Syrien, seit Beginn des Ukraine-Krieges haben wir überwiegend Ukrainerinnen in den Kursen – tatsächlich sind es überwiegend Frauen. Inzwischen spricht sich das Angebot unter Geflüchteten schnell herum.

Für die Teilnehmenden sind die Kurse weit mehr als Sprachunterricht. Sie sind Orte der Begegnung und des Austauschs. „Die Sehnsucht nach der Heimat ist oft riesig“, sagt Mertens. „In den Kursen finden die Menschen Anschluss zu Gleichgesinnten und Landsleuten.“ Deshalb seien auch die gemeinsamen Kaffeepausen wichtig. Neben der Sprache beschäftigen die Teilnehmenden vor allem praktische Fragen: Wie finde ich eine Wohnung? Welche Rechte und Pflichten habe ich? Wie funktioniert eine Nebenkostenabrechnung? Wie ist der deutsche Staat aufgebaut?

Auch Klaus-Jürgen Hellemeier weiß, dass Sprache nicht allein im Unterricht gelernt werden kann. „Sprachkurse können immer nur ein Teil sein. Sprache muss im Alltag geübt werden – und genau das ist oft schwierig, weil es zu wenig Kontakt zu Deutschen gibt.“ Hinzu komme, dass in vielen Berufen zusätzlich Fachsprache benötigt werde, etwa im Krankenhaus oder in sozialen Einrichtungen.

In den vergangenen zehn Jahren haben die Ehrenamtlichen unzählige Lebensgeschichten begleitet – bewegende, tragische, aber auch ermutigende. Sigrid Mertens erzählt von einer ukrainischen Künstlerin, die nicht den Lebensmut verlor, obwohl dich der Sohn das Leben nahm. Von einer Mutter mit vier eigenen Kindern, die zusätzlich vier ukrainische Pflegekinder aufnahm. Aber auch von einem jungen Mann aus dem Irak, der inzwischen Soziale Arbeit studiert hat und heute selbst in der Jugendbetreuung arbeitet. Oder von einer Lehrerin aus Albanien, die inzwischen so sicher und schnell Deutsch spricht, „dass es mich aus den Socken haut“, sagt Mertens.

Oft sei schwer zu erahnen, welche Erfahrungen die Menschen mitbringen. „Viele kommen aus besetzten Gebieten oder aus zerstörten Wohnungen“, berichtet sie. Gleichzeitig gebe es Menschen, die irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren – wie ein Ehepaar, das zurück nach Kiew gegangen ist.

Dekanatsjugendreferent Denis Wöhrle begleitet das Thema seit den Anfängen. Für ihn steht fest: „Bis heute ist diese Hilfe dringend nötig.“ Geflüchteten werde das Ankommen in Deutschland vielerorts noch immer schwer gemacht – etwa bei der Jobsuche, beim Spracherwerb oder bei der Anerkennung von Abschlüssen. „Oft ist es dem persönlichen Einsatz einzelner Menschen zu verdanken, dass jemand hier wirklich Fuß fassen kann“, so Wöhrle.

Für Sigrid Mertens endet das Engagement nicht mit dem Unterricht. Sie organisiert auch außerhalb der Kurse Begegnungen und lädt die Frauen regelmäßig zu Ausflügen ins Casino ein. Denn Integration, das zeigt die Arbeit im Stadtjugendpfarramt seit inzwischen zehn Jahren, beginnt dort, wo Menschen einander offen begegnen.