„Im Leben zählt auch, was nicht zu zählen ist“

veröffentlicht 03.02.2026 von Andrea Wagenknecht, Dekanat Wiesbaden

Der ehemalige Militärpfarrer Alexander Liermann spricht in Klarenthal über Auslandseinsätze, Seelsorge und Friedensethik:

Mehr als zwölf Jahre war Pfarrer Alexander Liermann Militärseelsorger in Mainz und betreute in dieser Zeit mehrere hundert Soldatinnen und Soldaten. Er begleitete zwei Auslandseinsätze der Bundeswehr: 2010 im Kosovo und 2017/2018 in Afghanistan.

In Wiesbaden-Klarenthal, wo Liermann jetzt seit zwei Jahren Gemeindepfarrer ist, wurde er immer wieder auf seine Zeit als Militärseelsorger angesprochen. Anlass genug für den Pfarrer sich dem Thema Militärseelsorge und Friedensethik jetzt einen Abend lang zu widmen:

Vor rund 80 Besucherinnen und Besuchern spricht Alexander Liermann im Klarenthaler Gemeindezentrum zunächst über seine Rolle als Militärseelsorger im Auslandseinsatz. Im Mittelpunkt des Abends steht sein Aufenthalt im afghanischen Feldlager Mazar-e Sharif über den Jahreswechsel 2017/2018. 
Das Feldlager habe er während dieser Zeit ausschließlich per Hubschrauber verlassen dürfen – ein Detail, das die Sicherheitslage in Afghanistan zu dieser Zeit verdeutlicht.

Zu seinen Aufgaben gehörte unter anderem die Gestaltung von Gottesdiensten und Andachten, seelsorgerliche Gespräche, Konfliktvermittlung, Notfallseelsorge sowie die Trauer- und Gedenkarbeit im Feldlager. „Ich war außerdem ein Anwalt des Unverfügbaren – zuständig für Fragen nach Gott, nach Schuld und Gnade – auch sich selbst gegenüber“, beschreibt Liermann seine Rolle. „Ein guter Zuhörer sein, der gute Geist des Feldlagers, eine Art Joker für die Soldatinnen und Soldaten, ein Unterbrecher des Alltags – so habe ich meine Rolle verstanden“, sagt der Pfarrer.

Als Militärseelsorger stand er auch für Gegenentwürfe zu militärischen Gewissheiten. Ihm sei stets wichtig gewesen zu betonen: „Im Leben zählt auch, was nicht zu zählen ist.“ Dazu gehöre auch, die reine Zweckrationalität des Dienstes und feste Feindbilder zu hinterfragen. Gnade und Gerechtigkeit, so Liermann, widersprächen sich vor Gott nicht.

Er habe die Bundeswehr immer als eine demokratische Armee erlebt und nirgendwo sonst so kontroverse Diskussionen geführt wie mit den Soldatinnen und Soldaten. Allerdings ist Liermann kein Pazifist: „Als Pazifist Militärseelsorger zu sein, das geht auch einfach nicht.“

Vieles bleibt für den Theologen bis heute ambivalent: Dazu gehört auch die rückblickende Bewertung des Afghanistan-Einsatzes. Mehr als 50 deutsche Soldaten kamen dort ums Leben, nach dem Abzug der internationalen Truppen übernahmen erneut die Taliban die Macht. „Habe ich einen Einsatz stabilisiert, der am Ende mehr Leid gebracht als gelindert hat?“, fragt er selbstkritisch. Er wisse um die Gefahr, die von bewaffneten Soldatinnen und Soldaten ausgehe, zugleich aber auch um die Hoffnung, die mit ihrer Präsenz verbunden ist.

In der anschließenden Diskussion wird dieses moralische Spannungsfeld weiter vertieft – auch bezogen auf aktuelle Debatten innerhalb der Kirche. Denn kürzlich erst erschienen ist die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“, die sich ebenfalls mit dem Verhältnis von Gewaltverzicht, Schutzverantwortung und politischer Realität auseinandersetzt. Die Denkschrift betont den Schutz vor Gewalt als zentrale Voraussetzung für Freiheit und Gerechtigkeit, erkennt aber zugleich an, dass gewaltsamer Schutz in extremen Situationen als letztes legitimes Mittel in Betracht kommen müsse.

Eine Zuschauerin fragt, ob sich absoluter Gewaltverzicht und das Gebot der Nächstenliebe miteinander vereinbaren ließen – schließlich könne man sich auch durch Gewaltunterlassung schuldig machen.
 
Mehrfach hingewiesen wird darauf, dass afghanische Ortskräfte, die für die Deutschen etwa als Übersetzer gearbeitet hätten, zurückgelassen wurden. Ob Kirche sich denn jetzt deutlich auf die Seite der afghanischen Helfer stelle, will eine Zuhörerin wissen. Der Umgang mit den zurückgelassenen afghanischen Helfern sei ein unethischer Verrat gewesen, findet ein weiterer Zuhörer klare Worte.

Der Abend macht deutlich, dass es keine einfachen Antworten gibt, auch nicht oder vielleicht gerade nicht für einen Militärpfarrer. In einer Welt „in Unordnung“, wie sie die EKD-Denkschrift beschreibt, fordert dies heraus und bleibt für Christenmenschen aber zugleich Auftrag zur Suche nach Gerechtigkeit und Frieden.

Die aktuelle Friedensdenkschrift der EKD zum Download